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Warum ist der Handball so deutsch?

25. Februar 2026

Menschen mit Migrationshintergrund sind in der Sportart unterrepräsentiert – das soll sich ändern

Oldenburger Münsterland Sie heißen Andreas, Julian, Lukas und Franz. Tom, Tim und Jannis. Und sie sehen auch so aus: junge, weiße, deutsche Männer. 
Es ist egal, ob man sich das EM-Aufgebot der Nationalmannschaft anschaut oder den Kader des Oberligisten TV Dinklage: Die Vornamen und die Mannschaftsfotos sprechen eine deutliche Sprache. Im Deutschland des Jahres 2026 mag bald jeder Dritte einen Migrationshintergrund haben – im Handball ist von dieser Entwicklung wenig zu spüren.
Anders als im Fußball, wo Spieler wie Jamal Musiala oder Leroy Sané längst die Geschicke der Nationalmannschaft prägen, ist der Handball von der Basis bis zur Spitze vor allem eins: weiß und „biodeutsch“ – auch wenn mit Renars Uscins (Lettland) und Marko Grgic (Kroatien) zwei Stützen der DHB-Auswahl ausländische Wurzeln haben.
Das Thema ist nicht neu. Seit mehr als zehn Jahren wird darüber geschrieben und diskutiert, meist nach großen Turnieren. Auch dem Deutschen Handballbund (DHB) ist das Thema wichtig. So wichtig, dass sich der Vorstandsvorsitzende Mark Schober (53) spontan eine halbe Stunde Zeit nimmt, um in einem Video-Meeting mit OM-Medien darüber zu sprechen. 
Er spricht von einer „Herausforderung“, der sich der Verband stellen müsse. „Es ist wichtig, dass wir Menschen mit Migrationshintergrund gewinnen“, sagt Schober. Er ist überzeugt: „Sport ist das beste Feld für Integration, der Verein ist der beste Platz für Integration.“
Belastbare aktuelle Zahlen zum Anteil der Aktiven mit Migrationshintergrund im Handball gibt es nicht. Schober schätzt den Wert auf „acht, neun Prozent“. Damit läge er nur etwas unter dem Schnitt aller Sportarten von rund zehn Prozent. „Die Sportarten, die den Schnitt nach oben treiben, sind Fußball und Boxen“, sagt Schober. 
Während Zuwandererkinder mit Wurzeln im früheren Jugoslawien, in Polen oder Russland durchaus den Weg in deutsche Handballvereine finden, tut sich die Sportart in der größten migrantischen Gemeinde schwer: bei den Menschen aus der Türkei. Mark Schober hat dafür vor allem eine Erklärung: „Familie ist der Ort, an dem Sportauswahlen getroffen werden“, sagt er. „Und in den rein türkischstämmigen Familien tut sich der Handball so schwer, weil es dort keine Handball-Historie gibt.“
Diese These bestätigt auch Ali Boydak, Ehrenpräsident von Amasyaspor Lohne und Präsidiumsmitglied im Kreissportbund Vechta. Der heute 62-Jährige kam 1980 mit seiner Familie aus der Türkei nach Lohne und kennt sich in der türkischstämmigen Gemeinde bestens aus. „Fußball ist in Ländern wie der Türkei sehr populär“, sagt er: „Wenn man das türkische Fernsehen einschaltet, läuft da Galatasaray und Fenerbahce.“ Handball komme kaum vor – im Unterschied etwa zu Volleyball und Basketball. Auch dafür hat Ali Boydak eine Erklärung: „Es gibt sehr wenig Sporthallen in der Türkei. Fußball, Volleyball und Basketball kann man leicht draußen spielen, aber Handball nicht.“ Er zieht einen Vergleich zum Schwimmen: „Obwohl die Türkei von drei Seiten von Meer umgeben ist, können 90 Prozent der Türken nicht schwimmen. Weil es keine Schwimmbäder gibt.“
Dass auch die in Deutschland lebenden türkischstämmigen Menschen nur selten den Zugang zum Handball finden, hat aber wohl auch mit Berührungsängsten zu tun. Ali Boydak kennt dieses Problem auch aus dem Fußball. Dort würden sich Zuwandererkinder aus der Türkei, Syrien oder dem Irak („Auch da gibt es nur Fußball, Fußball, Fußball“) eher einem migrantisch geprägten Verein wie Amasyaspor anschließen „als BW Lohne, GW Brockdorf oder dem SV Kroge. Weil da kein Kind ist, das so aussieht wie sie selbst“, sagt Boydak: „Ein Kind muss sich wohlfühlen, wie zu Hause fühlen. Bei Amasyaspor ist da die Hemmschwelle viel niedriger.“
Dass auch die Schule bei der Wahl der Sportart eine große Rolle spielt, hat Ali Boydak selbst erlebt. „Meine Tochter und die Tochter meines Bruders haben in Lohne Handball gespielt. Weil alle ihre besten Freundinnen vom Gymnasium Handball gespielt haben“, erzählt er. Ihm selbst sei Handball im Berufsgrundbildungsjahr begegnet. „Ich mag Handball sehr gerne“, sagt er. 
Und was würde er den Handballern raten, um Kinder mit Migrationshintergrund zu gewinnen? „Ich würde in die Kindergärten gehen, in die Vorschulen, in die Grundschulen und dort Plakate aufhängen und Handzettel verteilen“, sagt der Lohner: „Darauf die Namen der Ansprechpartner und Bilder, die die Kinder ansprechen“ – sprich: Bilder, auf denen auch migrantische Kinder Handball spielen. 
Dass der Weg in die migrantische Community vor allem über die Schulen führt, hat man auch beim DHB erkannt. Große Hoffnungen setzt der Verband dabei in den bundesweiten Grundschulaktionstag. An diesem nahmen laut DHB-Angaben zuletzt im Herbst 2025 mehr als 3000 Schulen und über 320.000 Kinder teil. Die Schulen werden dabei von den Vereinen unterstützt. Alleine in Niedersachsen/ Bremen waren rund 550 Schulen mit 55.000 bis 60.000 Schülern beteiligt.

Schober: „Es gibt kein bewusstes Abschotten“ 

Der Handballverband Niedersachsen-Bremen (HVNB) sieht sich bei dem Thema ohnehin in einer Vorreiterrolle. „Als Landesverband sind wir da deutschlandweit am weitesten“, sagt Geschäftsführer Markus Ernst: „Wir sind der einzige Verband, der diese Zielgruppe mit dem Thema Streethandball gezielt anspricht.“ 
2025 kaufte der HVNB einen Soccer-Court und machte Station an zehn Schulen mit hohem Migrationsanteil, inklusive großem Finale vor einem Bundesligaspiel in Hannover. „Das ist mega angekommen“, sagt Markus Ernst. In diesem Jahr gibt es eine Neuauflage. Bis zum 1. März können sich Schulen noch bewerben. 
Der DHB setzt laut Mark Schober auch auf „Leuchtturmveranstaltungen“ wie Aktionstage der Initiative „HandbALL TOGETHER“. Über die Online-Akademie sollen zudem Multiplikatoren in den Vereinen erreicht werden. Die Regelhefte gibt es mittlerweile auch auf Türkisch, Polnisch, Russisch oder Arabisch. Sie befanden sich auch in Materialpaketen, die der HVNB 2023 an 1000 Vereine verschickte. 
Der DHB hat zudem mit dem türkischen Verband THF eine Kooperation vereinbart. Zu einem Länderspiel der U18-Frauen beider Länder in München kamen 2023 über 6000 Fans. Auch der türkische Kulturverein war eingebunden. Die Türkei sei „durchaus ein Wachstumsfeld“, glaubt DHB-Vorstandsboss Schober. Er gibt aber zu: „Bei den Mädchen ist es leichter als bei den Jungs.“
Auch über die von Ali Boydak angesprochene Hemmschwelle hat sich Schober Gedanken gemacht. Er wünscht sich, dass der Handball weltoffen rüberkommt – und nicht als geschlossene Gesellschaft. „Wir müssen die Bildsprache verändern. Die Website muss Vielfalt ausdrücken. Wir müssen in der Außenwahrnehmung einladend sein“, sagt Schober. 
Dass einige Kommentatoren wie einst der Freiburger Philosoph und Zeit-Kolumnist Wolfram Eilenberger den Handball in die Nähe von Deutschtümelei und Rassismus rücken, bringt Schober regelrecht auf die Palme. „Es gibt kein bewusstes Abschotten. Die Menschen im Handball sind sehr offen“, sagt Schober. Genau das mache ihn bei dem Thema auch so optimistisch. „Denn ich weiß, was Handballer für Menschen sind.“

Quelle Oldenburgische Volkszeitung vom 25.02.2026